{"id":3583,"date":"2026-05-07T09:58:10","date_gmt":"2026-05-07T07:58:10","guid":{"rendered":"https:\/\/cointable.de\/blog\/?p=3583"},"modified":"2026-05-07T10:01:16","modified_gmt":"2026-05-07T08:01:16","slug":"gerechtigkeitsluecke-von-wegen-der-gruenen-gesetzentwurf-zur-krypto-besteuerung-im-realitaetscheck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cointable.de\/blog\/gerechtigkeitsluecke-von-wegen-der-gruenen-gesetzentwurf-zur-krypto-besteuerung-im-realitaetscheck\/","title":{"rendered":"Gerechtigkeitsl\u00fccke? Von wegen. Der Gr\u00fcnen-Gesetzentwurf zur Krypto-Besteuerung im Realit\u00e4tscheck"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><\/h1>\n\n\n\n<p>Am 5. Mai 2026 hat die Fraktion B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen den Gesetzentwurf \u201ezum Schlie\u00dfen einer Gerechtigkeitsl\u00fccke bei der Besteuerung von Kryptowerten&#8220; eingereicht. Bundestags-Drucksache 21\/5752. Der Titel klingt nach Fairness und Ausgewogenheit. Wer den Entwurf allerdings aufmerksam liest, stellt fest: Hier wird keine L\u00fccke geschlossen. Hier wird eine neue aufgerissen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Worum es geht<\/h2>\n\n\n\n<p>Bisher gilt in Deutschland: Wer Kryptow\u00e4hrungen l\u00e4nger als ein Jahr h\u00e4lt, kann Gewinne steuerfrei realisieren. Das ist die sogenannte Spekulationsfrist nach \u00a7 23 EStG. Die Gr\u00fcnen wollen diese Frist f\u00fcr Kryptowerte ersatzlos streichen. Gewinne sollen dann unabh\u00e4ngig von der Haltedauer mit dem pers\u00f6nlichen Einkommensteuersatz besteuert werden. Das bedeutet im Extremfall 45 Prozent plus Solidarit\u00e4tszuschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Begr\u00fcndung der Gr\u00fcnen: Krypto-Gewinne seien gegen\u00fcber Aktiengewinnen privilegiert. Aktiengewinne w\u00fcrden immer besteuert, Krypto nach einem Jahr nicht mehr. Das sei ungerecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick klingt das nachvollziehbar. Auf den zweiten Blick wird es absurd.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"663\" src=\"https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1-1024x663.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3588\" srcset=\"https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1-1024x663.png 1024w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1-300x194.png 300w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1-768x497.png 768w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1.png 1334w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Quelle: https:\/\/web.archive.org\/web\/20260506170405\/https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/21\/057\/2105752.pdf <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Ungleichbehandlung wird nicht beseitigt, sondern versch\u00e4rft<\/h2>\n\n\n\n<p>Wer in Deutschland Aktien verkauft, zahlt pauschal 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidarit\u00e4tszuschlag. Unabh\u00e4ngig vom pers\u00f6nlichen Steuersatz. Das sind effektiv rund 26,4 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Entwurf der Gr\u00fcnen sieht aber nicht vor, Krypto-Gewinne ebenfalls mit der Abgeltungsteuer zu behandeln. Stattdessen soll der pers\u00f6nliche Einkommensteuersatz greifen. Im Klartext: Wer als Angestellter gut verdient und nebenbei Bitcoin h\u00e4lt, w\u00fcrde Krypto-Gewinne mit 42 oder 45 Prozent versteuern. Aktiengewinne daneben weiterhin mit 25 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnen argumentieren mit steuerlicher Gleichbehandlung und schaffen das genaue Gegenteil. Krypto-Anleger w\u00fcrden nach diesem Entwurf deutlich schlechter gestellt als Aktienanleger. Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist die gezielte Benachteiligung einer einzelnen Assetklasse.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gold darf, Krypto nicht<\/h2>\n\n\n\n<p>Besonders bemerkenswert ist die selektive Argumentation in der Begr\u00fcndung des Entwurfs. Dort hei\u00dft es sinngem\u00e4\u00df, dass physisches Gold, Antiquit\u00e4ten, Kunstwerke, historische Fahrzeuge und Fremdw\u00e4hrungen in einem \u201ewesentlich geringeren Umfang f\u00fcr Spekulationsgewinne genutzt&#8220; w\u00fcrden. Deshalb sei es sachgerecht, nur Kryptowerte herauszugreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine gewagte Behauptung. Der Goldpreis hat sich in den letzten f\u00fcnf Jahren mehr als verdoppelt. Gold-ETCs verzeichnen Rekordzufl\u00fcsse. Vintage-Uhren und Oldtimer sind l\u00e4ngst eigenst\u00e4ndige Anlageklassen mit eigenen Auktionsplattformen und spezialisierten Fonds.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer mit Gold spekuliert, darf nach einem Jahr steuerfrei verkaufen. Wer mit Bitcoin spekuliert, soll k\u00fcnftig bis zu 45 Prozent Steuern zahlen. Wo genau liegt hier die \u201eGerechtigkeit&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5 Milliarden Euro Mehreinnahmen: Wunschdenken auf Bundestags-Papier<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Entwurf verspricht Mehreinnahmen von \u201emindestens etwa 5 Milliarden Euro&#8220;. Diese Zahl steht ohne jede nachvollziehbare Herleitung im Dokument. Keine Modellrechnung, keine Datengrundlage, keine Quellenangabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Blick nach \u00d6sterreich liefert den Realit\u00e4tscheck. Dort wurde die Haltefrist f\u00fcr Kryptowerte bereits 2022 abgeschafft. Die tats\u00e4chlichen Steuereinnahmen aus Krypto-Gewinnen lagen 2024 bei rund 33,8 Millionen Euro. Nicht Milliarden. Millionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eric Demuth, Mitgr\u00fcnder der \u00f6sterreichischen Kryptob\u00f6rse Bitpanda, hat die Auswirkungen der \u00f6sterreichischen Reform aus erster Hand erlebt. Sein Urteil f\u00e4llt eindeutig aus: Die Abschaffung der Haltefrist sei eine extrem schlechte Entscheidung gewesen. Die technische Umsetzung habe enorme Ressourcen verschlungen, Produktentwicklungen verz\u00f6gert und zu mehr B\u00fcrokratie gef\u00fchrt. Der fiskalische Nutzen f\u00fcr den Staat sei minimal geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnen ignorieren dieses Beispiel vollst\u00e4ndig. Das Wort \u201e\u00d6sterreich&#8220; kommt im gesamten Gesetzentwurf nicht vor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eAlternativen: Keine&#8220; als intellektuelle Bankrotterkl\u00e4rung<\/h2>\n\n\n\n<p>In jedem Gesetzentwurf gibt es einen Abschnitt zu m\u00f6glichen Alternativen. Bei der Drucksache 21\/5752 steht dort ein einziges Wort: Keine.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist bemerkenswert, denn die offensichtlichste Alternative liegt auf der Hand. Wenn es den Gr\u00fcnen tats\u00e4chlich um Gleichbehandlung mit Aktien ginge, w\u00e4re die logische L\u00f6sung eine Einbeziehung von Krypto-Gewinnen in die Abgeltungsteuer. 25 Prozent pauschal, genau wie bei Aktien und anderen Kapitalertr\u00e4gen. Diese Variante wird nicht einmal erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Alternative w\u00e4re die Absenkung der Haltefrist auf sechs Monate oder die Einf\u00fchrung gestaffelter Steuers\u00e4tze je nach Haltedauer. Auch das: kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer \u201eAlternativen: Keine&#8220; in einen Gesetzentwurf schreibt, will keine ausgewogene L\u00f6sung finden. Der will eine politische Botschaft setzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kein Steuer-, sondern ein Haushaltsproblem<\/h2>\n\n\n\n<p>Die zeitliche Einordnung ist aufschlussreich. Die Debatte um die Krypto-Besteuerung kam nicht aus dem Nichts. Finanzminister Lars Klingbeil hatte Ende April im Rahmen der Eckwerte f\u00fcr den Bundeshaushalt 2027 angek\u00fcndigt, durch Krypto-Besteuerung und die Bek\u00e4mpfung von Finanzkriminalit\u00e4t rund zwei Milliarden Euro zus\u00e4tzlich einnehmen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnen preschen nun mit einem eigenen Entwurf vor, der sogar noch \u00fcber Klingbeils Ank\u00fcndigungen hinausgeht. Statt 2 Milliarden versprechen sie 5 Milliarden. Statt Abgeltungsteuer fordern sie den vollen Einkommensteuersatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das offenbart die eigentliche Motivation: Es geht nicht um steuerliche Gerechtigkeit. Es geht um die Gegenfinanzierung eines Bundeshaushalts, der an allen Ecken und Enden klemmt. Krypto-Anleger sind eine politisch bequeme Zielgruppe. Keine starke Lobby, keine eigene Partei, kein organisierter Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3585\" srcset=\"https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-1024x1024.png 1024w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-300x300.png 300w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-150x150.png 150w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-768x768.png 768w, https:\/\/cointable.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image.png 1254w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die BVerfG-Argumentation ist zielgenau verk\u00fcrzt<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Entwurf zitiert eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2010, wonach die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit, Gewinne k\u00fcnftig steuerfrei zu vereinnahmen, keine vertrauensrechtlich gesch\u00fctzte Position begr\u00fcnde. Damit soll gerechtfertigt werden, dass die neuen Regeln auch f\u00fcr bereits seit dem 1. Januar 2026 erworbene Kryptowerte gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist juristisch formal korrekt. Es ist aber auch ein Beispiel f\u00fcr selektive Auslegung. Das BVerfG hat in derselben Rechtsprechungslinie wiederholt betont, dass der Gesetzgeber bei r\u00fcckwirkenden Belastungen besondere Sorgfalt walten lassen muss. Wer Anfang 2026 Bitcoin gekauft hat, hat das unter der damals geltenden Rechtslage getan. Diese sah eine steuerfreie Ver\u00e4u\u00dferung nach einem Jahr vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnen wollen diese Spielregeln nun r\u00fcckwirkend \u00e4ndern. F\u00fcr Altbest\u00e4nde vor 2026 gibt es einen Bestandsschutz. F\u00fcr alles, was seit dem 1. Januar 2026 gekauft wurde, sollen die neuen Regeln gelten. Und zwar obwohl zum Zeitpunkt des Kaufs niemand diesen Gesetzentwurf kannte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was eine seri\u00f6se Reform leisten m\u00fcsste<\/h2>\n\n\n\n<p>Wer tats\u00e4chlich eine gerechte Besteuerung von Krypto-Gewinnen anstrebt, m\u00fcsste vier Fragen beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum nicht die Abgeltungsteuer?<\/strong> Die Gleichstellung mit Aktien w\u00e4re der naheliegendste Ansatz. 25 Prozent pauschal auf alle Krypto-Gewinne, unabh\u00e4ngig von der Haltedauer. Das w\u00e4re systematisch konsistent und administrativ umsetzbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was passiert mit Gold und anderen Sachwerten?<\/strong> Wenn die Haltefrist bei Krypto f\u00e4llt, m\u00fcsste die Diskussion konsequenterweise auch f\u00fcr andere spekulative Wirtschaftsg\u00fcter gef\u00fchrt werden. Alles andere ist Willk\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie realistisch sind die Einnahmenprognosen?<\/strong> Eine seri\u00f6se Gesetzesfolgenabsch\u00e4tzung mit belastbaren Zahlen w\u00e4re das Mindeste. Die \u00f6sterreichischen Erfahrungswerte geh\u00f6ren in jede ernstzunehmende Analyse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Auswirkungen hat die Reform auf den Standort?<\/strong> Deutschland konkurriert mit der Schweiz, Liechtenstein und anderen Staaten um Blockchain-Unternehmen und Krypto-Investoren. Diese Frage wird im Entwurf nicht einmal gestreift.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Drucksache 21\/5752 ist kein durchdachter Gesetzentwurf zur Herstellung steuerlicher Gerechtigkeit. Es ist ein politisches Statement, verpackt in Gesetzesform. Die Gr\u00fcnen bedienen sich eines Narrativs der Fairness und liefern das Gegenteil: eine gezielte Schlechterstellung von Krypto-Anlegern gegen\u00fcber Aktienanlegern, gegen\u00fcber Goldbesitzern, gegen\u00fcber Oldtimer-Sammlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 5-Milliarden-Prognose ist durch nichts belegt. Die \u00f6sterreichischen Erfahrungen werden ignoriert. Alternativen werden nicht diskutiert. Und die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Warum sollen Krypto-Gewinne steuerlich h\u00e4rter behandelt werden als alle vergleichbaren Assetklassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Gerechtigkeit im Titel tr\u00e4gt, sollte sie auch im Inhalt liefern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. Mai 2026 hat die Fraktion B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen den Gesetzentwurf \u201ezum Schlie\u00dfen einer Gerechtigkeitsl\u00fccke bei der Besteuerung von Kryptowerten&#8220; eingereicht. Bundestags-Drucksache 21\/5752. Der Titel klingt nach Fairness und Ausgewogenheit. 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